Es geht nach England

Die Wettervorhersage ist prima. SW- bis W-liche Winde 4-5bft, Böen bis 6bft. Das dabei der eine und andere Schauer durchziehen soll ist nicht tragisch. Man kann halt nicht alles haben ;o) und ich freue mich über meine Entscheidung noch einen Tag abgewartet zu haben.

Mittags lege ich ab. Warum erst zu Mittag? Nah, es sind etwa 125sm bis zum Ziel nach Falmouth. Gehe ich von einem Schnitt von 5kn aus, bin ich über 24std. unterwegs. Bei einem Schnitt von 6kn, was sehr positiv betrachtet ist, noch über 20 std. Das schaffe ich nicht im Hellen, so mache ich einen Nachtschlag quer über den westlichen Kanal. Ich werde das Verkehrstrennungsgebiet nördlich der französischen Küste noch im Hellen passieren und Vormittags mit dem auflaufendem Wasser (NW um 0933 Uhr) in Falmouth ankommen; Perfekt. Wenn es ganz dick kommt bekomme ich keine Ruhephasen, doch das ist für eine Nacht kein Problem.

…und es kommt ziemlich dick. Der Traffic erst in Richtung Ost, dann West ist rege. Dazwischen tummeln sich Fischerboote die mit 3kn Fahrt und ausgebrachten Netzen nicht berechenbare Kurse fahren. Glücklicher Weise ist die Sicht gut und die AIS Signale auf dem Plotter sind Gold wert.

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Aufmerksam navigierend Schlängel ich mich durch. Die AIS Daten helfen mir dabei ungemein. Die Angaben CPA (closest Point of approach) und TCPA (Time to CPA) zeigen mir den Abstand in dem wir uns passieren und die verbleibende Zeit bis dahin an. Wenn es dann unter einer halben Seemeile ist werde ich unruhig, zumal im Dunkel die Entfernungen sehr schwer abzuschätzen sind.

Gegen 2300 Uhr habe ich das Verkehrstrennungsgebiet hinter mir. Ab nun ist es für ein paar Stunden ruhig auf dem Wasser. Ray, mein treuer Autopilot, steuert. Der Wind nimmt zu. Ich binde das erste Reff in das Großsegel und rolle einen Teil der Genua ein. Auf dem halboffenen Steckschott sitzend ziehe ich das Schiebeluk zu und lümmel mich auf mein Kapokkissen. So habe ich alles im Blick, bin Wind- und Wettergeschützt und kann entspannen, bis ein großes Licht voraus auftaucht. Ich verlasse meinen gemütlichen Platz und schaue zum Plotter. Da liegt auf meinem Kurs ein 250m langer Tanker mitten im Kanal vor Anker?? Der Kurs wird korrigiert, damit ich ihm nicht zu nahe komme. Bis zum Passieren bleibe ich am Ruder und mache mir Gedanken über seinen Ankerplatz auf 120m Wassertiefe. Doch in Relation zu meinem Boot mit 12m Länge entspricht das einem Ankerplatz auf 6-8m Wassertiefe, da ist meine Welt wieder in Ordnung :o)

Bald, noch vor dem Morgengrauen, tauchen weitere Lichter vor mir auf. Der erste Gedanke, Lichter von Land, wird schnell verworfen denn es sind noch über 30sm bis dorthin. Fischerboote! Acht an der Zahl, breitgefächert voraus. Sieht aus wie eine überdimensionale Lichterkette. Ich stehe wieder am Ruder und beobachte die AIS Signale auf dem Plotter. Bei der Annäherung stellen sich zwei als besonders hartnäckig heraus. Einer wechselt dann seinen Kurs und entfernt sich, der andere kommt immer näher. CPA ist zwischen 250 und 400m. Ich schalte meinen Deckstrahler an, so werden meine Segel angeleuchtet und beobachte sehr aufmerksam. Bald kann ich seine Maschine hören, sehe sein grünes Steuerbord Licht und nach endlos erscheinenden Minuten in denen wir uns noch näher kommen endlich sein rotes Backbord Licht. Ich bin vorbei. Das war wirklich knapp und nicht so einfach zu bewältigen denn ich habe raumen Wind, bin unter Segeln und kann nicht so einfach Haken schlagen oder die Geschwindigkeit variieren.

Der neue Tag bricht an. Der Wind nimmt ab und ich reffe aus. Weiter gehts mit guter Fahrt und halbem Wind Richtung Nord. Eine letzte Begegnung steht mir noch bevor. 150m lang und mit 16kn Richtung Ost unterwegs; und aus meiner Sicht auf Kollisionskurs. Als er weniger als 2sm entfernt immer noch vierkant auf mich zu fährt rufe ich ihn über UKW-Funk. Ich bekomme Antwort, sage dass ich segel und frage ob er mich sieht. Er sieht mich und fährt cool 300m voraus an mir vorbei.

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Das war`s nun endlich. Mir reicht es auch. Gedanklich kippe ich den Eimer voll Adrenalin, das ich die Nacht über produziert habe, über Bord ;o)

Nach 131sm in 22 Stunden feinem segeln bei stabilem Wind und gefühlten 100 Kollisionskursen mache ich am Vormittag in Falmouth fest. Ich bin in England, Cornwell, froh.

Die Marina in Falmouth ist prima organisiert und die Stadt schön anzuschauen. Ein Haufen Touristen sind unterwegs aber es ist nicht crowdy oder ungemütlich.

Beeindruckend und schön anzuschauen der Hafen bei Hoch- und Niedrigwasser

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